Rekord-Pokalsieger in Rekord-Stadion: Wiener SC – FK Austria Wien
Ein Wochenende in Österreich zu planen, ohne der Hauptstadt einen Besuch abzustatten, ist kaum vorzustellen. Deswegen führte der Weg am frühen Sonntag Morgen mit dem Schnellzug aus Innsbruck weit in den Osten Österreichs.
Wien muss nicht beschrieben werden. Wer noch nicht da war, sollte die Stadt auf die Reiseliste setzen, auch fußballerisch wird hier einiges geboten, auch abseits von den großen Aushängeschildern.
Am Hauptbahnhof angekommen, das Gepäck abgeladen ging es noch auf eine schnelle Schlender-Tour durch die Stadt. Bei schönstem Sonnenschein wurden mit dem Opernhaus, dem Burggarten, der Hofburg und dem Maria-Theresien-Platz zwischen Volks- und Kunsthistorischem Museum, sowie der Votivkirche einige Sehenswürdigkeiten im Eiltempo besucht und ein Kaiserschmarren zur Stärkung eingeschoben.

Da die Sorge, etwas am oder um das Stadion herum zu verpassen, erneut groß war, ging es sehr zeitig mit der Linie 2 in Richtung Dornbach. Während am Bahnhof Hernals noch der optimale Weg Richtung Stadion studiert wurde, hallten bereits Schlachtrufe und Gesänge die Straße herunter. Dem geübten Ohr wurde direkt klar, hier wird gerade etwas verpasst. Die Beine in die Hand und die Ohren gespitzt ging es den Gesängen entgegen, die „Aus- Aus- Auswärtssieg!“-Rufe wurden erkennbarer. Am Ursprung der Gesänge angekommen, war direkt erkennbar, heute ist fanszenentechnisch nicht nur eine andere Hausnummer als die letzten Spiele, es ist eine andere Straße. Allein die Anzahl der Menschen, die bereits vor den Toren des Gästeeingangs warteten, waren bereits ähnlich viele, wie am Vortag im gesamten Tivoli zu finden waren. Entsprechend hoch war auch die Polizeipräsenz rund um den Eingang und die wartenden Fans. Ob die Anzahl der eingesetzten Einsatzkräfte nötig war, kann die Polizei Wien im Nachhinein besprechen.
Erst als ein wenig Ruhe in die Gesänge einkehrte, konnte alles rundherum betrachtet werden. Dabei wurde z.B. auch ersichtlich, dass der bereits genannte Eingang zur Gästetribüne direkt auf der Rückseite eines Wohnhauses liegt. Auch die Flutlichtmasten ragen mitten zwischen den Wohnblöcken empor. Der Sport-Club-Platz liegt tatsächlich sehr englisch mitten in einem Wohngebiet.

Um dieses Stadion dann doch genauer betrachten zu können, ging es dann wieder flotten Schrittes in Richtung Eingang der Haupttribüne, um das noch wenig gefüllte Stadion des Wiener SCs zu entdecken. Auch im Stadion wurde dann ersichtlich, wie eng der Spielort in den Wohnort eingebettet ist, direkt angrenzend an das Spielfeld ist die nächste Häuserreihe, von denen auch Anwohnende das Spielgeschehen von ihren Balkonen aus verfolgen.

Der Wiener SC ist ein Verein aus dem Stadtteil Dornbach. 1883 gegründet und seit 1907 mit einer eigenen Fußballabteilung, ist es einer der ältesten (Fußball-)Vereine Österreichs. Obwohl die Fußballabteilung erst 1907 gegründet wurde, wird das Stadion bereits seit 1904 bespielt. Und das Besondere: Es wird seitdem stetig, bzw. durchgehend bespielt. Das macht es zum ältesten stetig bespielten Stadion Österreichs und vermutlich einem der ältesten gesamt Kontinentaleuropas (wenn man einschlägigen online Enzyklopädien Glauben schenken darf). Ob man es glauben mag oder nicht, der heutige Regionalligist gewann 1910 den Cup und wurde 1958 und 1959 Meister. In diesen beiden Jahren erreichte der Verein auch internationale Bekanntheit, indem man zwei Jahre in Folge im Europacup der Landesmeister das Viertelfinale erreichte und dort erst an Eintracht Frankfurt (welche späterer Finalist waren), bzw. Real Madrid (welche Real Madrid waren) scheiterte. 1958 gelang das Meisterwerk, Juventus Turin mit 7:0 zu besiegen, was bis heute die höchste Niederlage einer italienischen Mannschaft im Europa Cup bedeutet.
Nachdem man 1960 die Meisterschaft nicht mehr gewann, konnte man auf Grund der ausbleibenden Erfolge nicht mehr mit den großen Vereinen mithalten und verlor den Anschluss. Trotz dessen schaffte man mit den Vizemeisterschaften 1969 und 1970 nochmals Achtungserfolge. 1974 wurde eine gesamtösterreichische Liga gegründet, der Stadt Wien wurden hierfür zwei Startplätze gewährt. Diese wurden den großen Wiener Vereinen gegeben, wodurch der Wiener SC erstmals den Gang in die zweite Liga antreten musste.
1977 schaffte man den Aufstieg in die erste Liga, 1979 wurde man erneut Vizemeister. Ab den 1990er Jahren begann der Abstieg in die unterklassigen Ligen 3 und 4. Wer fleißig und aufmerksam den Bericht aus Innsbruck gelesen hat, weiß, was jetzt kommen muss: 1994 schaffte man den Aufstieg in die Liga 2, obwohl man das Aufstiegsspiel verloren hatte. Grund hierfür war, dass ein Verein aus der zweiten Liga insolvent zwangsabgestiegen war: der FC Tirol aus Innsbruck musste weichen aus Liga 2 und machte Platz für den WSC. Im Jahr darauf stieg man sofort wieder ab. Seither bewegt man sich zwischen den Ligen 3 und 4. Dennoch hat man eine treue Anhängerschaft, die regelmäßig den Sport Club Platz und die Friedhofstribüne besuchen kommen.

Einer der Vereine, der Grund dafür war, weshalb der Wiener SC 1974 nicht in die erste Liga platziert wurde, stand heute auf der anderen Seite der Mittellinie: der FK Austria Wien.
Die Geschichte der Austria ist vermutlich die, des größten Erfolgs in Österreich. 1911 gegründet aus einem Vorgängerverein, der bereits seit 1894 eine Fußballabteilung hatte, startete man unter dem Namen „Wiener Amateur Sportverein“, mit dem Spitznamen „Amateure“. Man wurde direkt in die „erste Liga“ Wiens gesetzt und startete souverän, ohne Bäume auszureißen. 1919/20 wurde man dann nur auf Grund des schlechteren Torverhältnis nicht Meister hinter Rapid und 1921 gewann man mit dem Cup (gegen den Wiener SC) den ersten Titel der Vereinsgeschichte. 1924 gewann man das Double, 1925 den Cup, 1926 erneut das Double in Österreich. 1926 empfand man auch den Namen „Amateure“ als nicht mehr angemessen und benannte den Verein um in Fußballklub Austria. Kurze Zeit später war der Verein pleite und die Kasse musste gepfändet werden. Bereits gewonnene Pokale, die im Vereinsheim standen, wurden versteigert, so hielt man sich über Wasser. Nachdem nach einigen Jahren der Erfolg wieder einsetzte, spielte die Austria im Mitropacup, dem damals größten internationalen europäischen Titel, welchen man 1933 und 1936 auch sensationell gewinnen konnte.
In den Jahren darauf übernahm das NS Regime Deutschlands auch Österreich. Die Austria traf dies besonders hart. Der Vorstand des Vereins musste emigrieren, jüdische Spieler des Vereins (von denen es einige gab) durften nicht mehr spielen, der Spielstil des Vereins war zu „verspielt“ und war deshalb nicht gerne gesehen, der Verein wurde vorübergehend gesperrt und das Stadion umfunktioniert in eine deutsche Kaserne. Der Verein wurde umbenannt in SC Ostmark, der Name Österreichs in der NS Zeit.
Der Verein besetzte den Vorstand die gesamte Zeit nicht nach, sondern hielt den Platz für den geflüchteten „Michl“ Schwarz frei, dem der Posten zugestanden hatte und der diese Rolle später auch wieder einnehmen konnte. Nach der Befreiung und den Aufbauarbeiten konnte sich die Austria, nun auch wieder unter diesem Namen, erneut zu einer Topmannschaft aufschwingen, 1949/50 wurde man erster Meister der gesamtösterreichischen Liga. Bereits 1954 gründete sich der erste Fanklub der Austria.
In den 1960er Jahren war man Serienmeister in Österreich und um den Erfolg weiter zu sichern, war man der erste Verein in Europa, mit einem Brustsponsor auf den Trikots. Der Aufschrei unter Fans und Medien war groß, bereits damals fürchtete man den Tod des Fußballs.
Seit 1974 spielt man im Franz-Horr-Stadion, Ende der 70er wurde man erneut Serienmeister in Österreich und erreichte internationale Halbfinal- und sogar Finalspiele, der ganz große internationale Coup blieb aber aus.
Auch in den 80er und 90er Jahren feierte man einige Meister- und Cup-Titel. 2002/03 gewann man mit einem gewissen Christoph Daum das Double, dessen Nachfolger ist in Deutschland ebenfalls ein bekannter Name: Joachim Löw. Wie auch Christoph Daum, blieb auch dieser nicht lange im Amt.
2005 erreichte man nochmal das Viertelfinale des Uefa Cups, 2012/13 wurde man das letzte Mal Meister, was 2013 zu der letzten Champions League Gruppenphase führte.
Insgesamt wurde der FK Austria Wien 24 mal Österreichischer Meister und gewann 27 mal den Cup. Beides bedeutet Rekordsieger in Österreich für den jeweiligen Wettbewerb.
Damit man in diesem Jahr Pokalsieg Nummer 28 einfahren darf, war man auf Seiten der Austria Fans motiviert und zahlreich in den 17. Bezirk gefahren. Bereits früh nahmen die Fans ihren Platz auf der „schwarzen Tribüne“ ein und begannen zu singen und die bevorstehende Choreo aufzubauen.

Bereits zum Aufwärmen hin machte die Osttribüne ordentlich Alarm auf den Rängen und gab der Mannschaft einen extra Boost Motivation mit. Die Friedhofstribüne auf der Heimseite versuchte anfangs ein wenig, dagegen anzukommen, hatte aber gegen eine Kurve dieser Größe, Erfahrung und Koordination keine Chance. Hinzu kam, dass die Hälfte des Stadions gefüllt mit Austria Fans war.
Die extra Motivation der Mannschaft in Kombination mit einem fehlenden Fangnetz hinter dem Tor, sorgte dafür, dass beim Aufwärmen Schüsse so dermaßen brutal auf der Tribüne einschlugen, dass man kurzzeitig Sorge um die Unversehrtheit der Fans haben musste.
Zum Einlaufen der Mannschaften zeigte die Heimseite ein Spruchband in Solidarität der Opfer des Attentats auf den CSD in Berlin.
Die Osttribüne im Gästebereich zeigte eine Choreo aus hochgehaltenen Plastikfahnen, die das Austria Logo auf der einen Seite der Tribüne und einen vermummten Anhänger auf der anderen Seite zeigten. Leider aus dem eigens gewählten Blickwinkel schlecht zu erkennen, bei einer Frontalansicht sieht man es genauer, auf der Seite der Osttribüne Wien kann man Fotos hierzu ansehen.

Noch während die Choreo abgebaut wurde, erzielte Johannes Eggestein in der 2. Minute das erste von seinen insgesamt 3 Toren an diesem warmen Sommerabend. Dieser Startschuss hieß für die Osttribüne: frei drehen. Die Lieder kamen teils mit einer „absurden Lautstärke“ (Zitat aus eigener Notizen-App während des Spiels), das Liedgut war abwechslungsreich und kreativ. Die Mitmachquote beim Singen war sehr gut, der Materialeinsatz durch z.B. Schals oder Fahnen (außerhalb der großen Schwenkfahnen) leider nicht so gut wie der akustische Support.
Die Gruppen der Austria verabschiedeten und gedachten in der ersten Halbzeit per Spruchband und gezündeter Fackel einer verstorbenen Person. Dass die Offiziellen diesen Akt respektierten und keine Durchsage bezüglich gezündetem Pyromaterial machten, ist hier positiv hervorzuheben.
Positiv hervorzuheben ist auch die Kampfbereitschaft des WSC. Dieser gab nach dem 0:1 nicht auf und brachte sich immer wieder in fast gefährliche Situationen. Kurz vor der Halbzeit landete ein Abschluss auf der Latte und hätte beinahe das 1:1 mit dem Halbzeitpfiff beschert.
Aber „hätte, hätte,…“, es ging mit dem 0:1 in die Kabinen. In der Halbzeit erkannte man bereits, dass zu Anfang der zweiten Hälfte eine Aktion geplant war. Die zweite Halbzeit begann mit einem Knall. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, schossen mit einem unfassbar lauten Knall diverse Rauchspuren in den Vereinsfarben die schwarze Tribüne hoch. Dahinter wurden viele Rauchtöpfe in den gleichen Farben gezündet, sodass ein Rauchfeld ins Stadion zog, was eine Unterbrechung mit sich zog.

Direkt im Anschluss an die Unterbrechung schoss die Austria in Minute 50 das 2:0, in Minute 55 das 3:0 und in Minute 58 das 4:0. Dass hier nichts mehr in Richtung Überraschung geht, war ab hier allen klar. Die Heimfans hofften auf einen Ehrentreffer, die Gastseite feierte den souveränen Auftritt und gaben ordentlich Gas. Nachdem in Minute 75 noch das 5:0 fiel, drehte die Osttribüne völlig frei und es gab eine Art „Chaos-Support“: der Gästeblock wurde in der Mitte in eine linke und rechte Hälfte geteilt und abwechselnd in den Strophen durfte erst die eine, dann die andere Seite oben ohne ihre T-Shirts wedeln, nach links oder rechts gedreht, nach oben oder unten verdreht, Material wedelnd oder einfach hüpfend – im Gästeblock war gegen Ende der Partie eine Party, welche selbst beim Zusehen Spaß gemach hat. Für die Leute auf der Tribüne wird das ein Auftritt gewesen sein, an den sie sich in Zukunft immer wieder gerne erinnern werden.

Jemand weiteres, der sich an diesen Tag gerne zurück erinnern wird, ist der ca. 10-jährige Junge, der mit seinem Opa das Spiel besuchte. Der Junge hat sich zum Abpfiff hin so gefreut, dass sein Opa ihn mitgenommen hat, dass er ihn in den Arm genommen und einfach „Danke Opa!“ gesagt hat. Für solche Momente hat man den Fußball lieben gelernt.
Nach dem Abpfiff kamen die Mannschaften noch zu ihren Fans und bedankten sich für den Support. Natürlich hatte der Bundesligist mehr zu feiern, als der ausgeschiedene Regionalligist.

Das war der Abschluss eines ereignisreichen Fußball-Wochenendes in Österreich. Mit dem Nachtzug ging es zurück nach Deutschland, am nächsten Morgen wartete bereits die nächste Dienstbesprechung.

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