Zürcher Fanszenen sorgen für Feuerwerk im Letzigrund
Bereits zum 295. Mal stand in der größten Stadt der Schweiz das Stadtderby an. Die Grasshoppers Zürich empfingen den FC Zürich in deren Letzigrund. Und das versprach wie bei jedem Aufeinandertreffen große Emotionen.
Um allerdings auch die entspannten Seiten Zürichs zu sehen, wurde der Mittag damit verbracht, die Stadt zwischen Letzigrund, Aquädukt und Altstadt zu entdecken. Um später bei den hitzigen Emotionen einen kühlen Kopf bewahren zu können, wurde zudem die Limmat angesteuert, in der die Vorteile von Großstädten mit sauberen Fließgewässern ausgekostet wurden.

Wie schon mehrmals berichtet, ist ein einfaches Erkennungsmerkmal, welcher Verein in welcher Gegend dominierend ist, die Gestaltung der Wände, Laternenmasten und Verkehrsschilder. Auffällig war, dass der FCZ hier deutlich präsenter war, als der GCZ. So sah man diverse FC Zürich Kleber, Tags und Bilder, aber kaum bis keine Grasshoppers Markierungen. Das kann natürlich auch an den Gebieten liegen, in denen man sich bewegt, auffällig war es aber dennoch. Bei der Erkundung der Alt- und Innenstadt und auch auf dem Weg vom und zum Parkhaus in der Nähe des Stadions, waren zudem recht wenig erkennbare Fußballfans auf den Straßen unterwegs. Als die Zeit verstrich und auch der Anpfiff näherrückte, wurde allerdings auch die Polizeipräsenz innerhalb des Stadionumfelds deutlich höher. Gepanzerte Polizeiautos, Einsatzkräfte in Vollmontur, sowie mehrere Wasserwerfer waren rund um das Stadion und die Treffpunkte der Fanszenen verteilt.

Den Grasshoppers Club Zürich gibt es seit 1886 in Zürich. Wie überall in Europa, schwappte auch in der Schweiz die Fußballbegeisterung aus England über und löste den Rugby als vorherrschenden Ballsport ab. Ein junger englischer Student in Zürich wollte auch im Ausland unbedingt seiner Leidenschaft nachgehen, gegen das runde Leder zu treten und trommelte in einer Nacht 7 weitere junge Männer an und begeisterte sie für den Fußballsport. Am 01.09.1886 wurde somit der erste Fußballverein Zürichs von 8 Leuten im Alter zwischen 15 und 20 Jahren gegründet. Über die Namensherkunft kann nur spekuliert werden. Diese Spekulationen reichen von simplen Ideen, wie der Orientierung an anderen Vereinsnamen aus England (z.B dem Rugby Club Preston Grasshoppers), weiter über die Bewegung der Spieler auf den Wiesen, auf denen gespielt wurde, bis hin zu philosophischen Gedanken, dass der Verein ebenso große Sprünge machen möchte, wie es Grashüpfer tun.
Auch wenn dies vielleicht nicht der Gedanke des Namens war, könnte Tom E. Griffith, der englische Student, im Nachhinein allen „who’s laughing now?“ sagen, folgten doch auf die erste Meisterschaft 1897/1898 noch 26 weitere Meistertitel (der letzte 2003) und 19 Pokalsiege (der letzte 2013). Somit sind die Grasshoppers bis heute Rekordmeister und Rekordpokalsieger in der Schweiz. Zwei Mal schaffte man es zudem, sich für die Champions League zu qualifizieren.
Der GCZ war für die Schweiz das, was der FC Bayern für Deutschland ist. Und er tat das, was sich viele Fußballfans in Deutschland vom FC Bayern wünschen: er leistete über mehrere Jahre katastrophale Arbeit in Sachen Management und Kaderplanung, was darin endete, dass 2019/20 der erste Abstieg seit ca. 80 Jahren besiegelt wurde. Seitdem sind die Grasshoppers zwar wieder in der ersten Liga angekommen, aber Titelaspiranten sind sie schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Die Fanszene des Grasshopper Clubs Zürich, rund um den Sektor IV, lief gemeinsam vom ausgemachten Treffpunkt zum ungeliebten Letzigrund, in dem auch der GCZ seit einigen Jahren seine Heimspiele austragen muss, seitdem es das eigene Hardturm-Stadion nicht mehr gibt. Bereits auf dem Weg in Richtung Stadion wurden auch die ersten Fackeln, Raketen und Böller gezündet.

Der, mittlerweile, zahlentechnisch größere Verein der Stadt, ist gleichzeitig auch der jüngere der beiden Vereine. Erst 10 Jahre nach den Grasshoppers gründeten am 01.08.1896 Ex-Mitglieder anderer Lokalvereine den FC Zürich. Interessant daran ist, dass ein Mitgründer und erster Trainer des FCZ später Berühmtheit durch die Gründung eines anderen Vereins erlangte: Hans Gamper. Später in Spanien auch bekannt als Joan Gamper, gründete er 1899 den FC Barcelona in Spanien.
Bereits 6 Jahre nach Gründung, am Ende der Saison 1901/02, gewann man den ersten Ligatitel in der Schweiz. Auf diesen Titel folgten bis heute noch 12 weitere, 7 davon in den „goldenen Jahren“ zwischen 1960 und 1981. In dieser Zeit gelangen auch die größten internationalen Erfolge, 1964 und 1977 stieß man vor bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, bevor man an Real Madrid, bzw. dem FC Liverpool scheiterte. Den letzten der insgesamt 13 Titel holte man in der Saison 2021/22. Auch im Pokal konnte man regelmäßige Erfolge feiern, so wurde der Schweizer Cup insgesamt 10 Mal gewonnen, mit 2016 und 2018 auch zwei Mal in den letzten 10 Jahren.
2009/10 qualifizierte man sich für die Champions League.
Auch die Fanszene des FC Zürich rief zum gemeinsamen Marsch auf. Ein selbst getesteter Hinweis für alle weiteren Schaulustigen: ein hier nicht genauer benanntes Hotel in der Badener Straße verfügt über keine Rooftop-Bar und auch auf die Feuertreppe kommt man nicht ohne Weiteres, es ist also nicht geeignet, um einen auf der Straße vorbeiziehenden Fanmarsch zu betrachten.
Wie im Fanmarsch der GCZ Fans, wurden bei den FC Zürich Fans auf dem Weg zum Stadion schon Rauchtöpfe und weiteres Material gezündet, was ein schönes Bild in den Straßen abgab (was aus bereits genannten Gründen leider nicht festgehalten werden konnte).
Rund um das Stadion nahm die Polizei das Thema Fantrennung ernst, wurden doch die Straßen zwischen den beiden Fankurven von gepanzerten Fahrzeugen und Einsatzkräften gesperrt und Vorbeigehende wurden genauestens betrachtet.

Die Rivalität der beiden Vereine ist so alt, wie es beide gibt. Bereits seit der Gründung des FCZ kämpfen die beiden Zürcher Vereine um die Vorherrschaft in der Stadt. Der erfolgreiche GCZ, der als Verein der Oberschicht und Gebildeten galt, war dabei lange Zeit der Verein mit den höheren Zuschauerzahlen in Zürich. Der weniger (aber dennoch) erfolgreiche FCZ hatte dabei häufig das Nachsehen. Bereits das allererste Derby 1897 (zugegebenermaßen: 1 Jahr nach Gründung des FCZ) gewannen die Grasshoppers mit 7:2.
Seit Ende der 00er Jahre hat der FCZ deutlich die Nase vorne, was die Zuschauerzahlen der beiden Vereine angeht. Gründe hierfür gibt es verschiedene. Zum einen verliefen die Erfolge gegenläufig, der GCZ verlor immer mehr an sportlicher Relevanz, während der FC Zürich Erfolge feiern durfte. Außerdem spielen auch die Grasshoppers seit 07/08 im Letzigrund, da der Hardturm, ihr eigenes Stadion, abgerissen wurde und die Baupläne seither nicht vorangehen konnten. Die beiden Stadien standen sehr nah beieinander und waren nur durch Bahngleise getrennt. Vielen alten GCZ Fans sagt dieses „neue“ Stadion nicht zu und machte den Verein weniger attraktiv.
Seit dem ersten Spiel 1897 gab es bis heute einige spektakulär torreiche Spiele, herbe Klatschen und Spielabbrüche durch Fanausschreitungen im Innenraum. In der Liga gab es das Spiel bis heute insgesamt 269 Mal, mit einem Siegverhältnis von 117:107 für die Grasshoppers. Bei den letzten 10 Aufeinandertreffen in der Liga steht es wiederum 8:1 für den FC Zürich. Das letzte Spiel, welches der GCZ in der Meisterschaft gewinnen konnte, war am 28.01.2024 mit 2:1.
Das Stadion Letzigrund versprüht auf jeden Fall ein gewissen Charme, trotz dessen, dass es ein „Neu“bau aus dem Jahr 2007 ist, nachdem das ursprüngliche Stadion abgerissen wurde. Charakteristische Flutlichtmasten, sowie eine Tartanbahn (bei der die Meinungen ja bekanntermaßen auseinandergehen) wirken auf jeden Fall sehr gelungen. Dass der Umlauf der Tribüne auf Eingangshöhe und die Tribünen, sowie das Spielfeld nach unten versetzt sind, macht das Stadion zu etwas außergewöhnlichen.

Komplett konträr zum Polizeiaufgebot außerhalb des Stadions gab sich die Situation am Einlass. Sehr entspannte Kontrollen, trotz Derby und Risikospiel haben auf jeden Fall dazu beigetragen, die Stimmung nicht weiter hochzuschaukeln.
Die Verkaufsstände innerhalb des Stadions hatten für dieses Spiel keinen Alkohol im Sortiment und die Schlange für den Laden unter dem Zaun durch sah sehr exklusiv aus, weshalb es hier keine Bewertung des Stadionbiers geben kann. Stattdessen eine ausdrückliche Empfehlung der Pommes im Letzigrund, vermutlich die besten bisher auf der unvollständigen Liste der Stadionpommes.
Nach der Stärkung ging es schon auf die eigenen Plätze. Die Zürcher Südkurve war bereits gut gefüllt.

Dieser gut gefüllte Block wartete bereits auf den Mob der GCZ Fans, deren Block noch recht verwaist aussah. Grund hierfür war, dass die Fans gebündelt den Block betreten wollten, was ein schönes Bild abgab und ordentlich Krawall auf Seiten des FCZ auslöste. Auch das Einlaufen der Mannschaften zum Aufwärmen lies die Stimmung nochmal hochkochen und man merkte schnell, welches Feuer hier in der Luft hing. Die GCZ verteilte noch Papptafeln für eine Choreo, während die Südkurve eine Zaunfahne vor dem Block vorbereitet hatten. Schon lange vor Anpfiff gab es bereits diverse Pöbeleien und Provokationen aus den jeweiligen Fanblöcken.
Zum Einlauf der Mannschaften vor Anpfiff zeigten die GCZ Fans eine Choreo mit Papptafeln in Vereinsfarben, drei Blockfahnen und hinter einer Zaunfahne mit der Aufschrift „140 Jahr – s‘Original vo Züri“, welche bereits beim Aufhängen ordentliche Reaktionen auf der Gegenseite hervorgerufen hat.

Die Südkurve Zürch hatte sich etwas spektakuläres überlegt und zündete hinter einer noch größeren „Zürcher Südkurve“ Zaunfahne, als sie eh schon immer hängen haben, direkt mehrere Feuerwerksbatterien, sowie Fackeln und Blinker, zum Einlaufen der Mannschaften, was zu einem gigantischen Bild führte.

Nach diesem furiosen Start war klar, dass beide Fanszenen heute alles geben wollten. Die Fans des GCZ starteten mit einer guten Mitmachquote rein und man sah, dass im Block ordentlich was ging und die Leute dort sehr motiviert waren, was einen guten Eindruck machte.
Das Problem mit einer Bewertung der Fans der Grasshoppers ist nur leider, dass ihnen auf der anderen Seite eine der größten und wohl auch besten Kurven des Landes gegenübersteht, welche einen zwangsläufig übertönt. Der Auftritt der Südkurve war wirklich bemerkenswert. Eine durchgängig fast hundertprozentige Mitmachquote im eigenen Block, eine immense Lautstärke, mit der das Gesungene in das Stadion hallte, sowie ein außergewöhnliches, sehr kreatives Liedgut erklären, wieso die Fanszene des FCZ solch einen guten Ruf genießt. Bei solch einem Auftritt hat man als zahlenmäßig unterlegene Kurve keine Chance, sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum Gehör verschaffen zu können. Und das soll keinen Vorwurf gegenüber der GCZ Fanszene sein, welche einen guten Auftritt hinlegte. Dies wurde klar, als bewusst einige Minuten ein Platz in der Nähe gewählt wurde, um die Grasshoppers Fans genauer wahrnehmen zu können.

Beide Fanszenen zündeten über das gesamte Spiel Pyrotechnik, Fackeln, Blinker, Rauchtöpfe, unterschiedlichste Formen von Material sorgten in beiden Fanblöcken für einen wilden Auftritt. Was besonders hervorzuheben ist, ist der Fahneneinsatz der Südkurve, was ein wirklich sehr abgestimmtes Fahnenbild abgibt. Zwei große Schwenker mit „Züri isch ois“ Aufschrift gaben vor, wer ihrer Meinung nach die Nummer Eins in der Stadt ist.
Das besondere am Support der Südkurve ist, deren durchgehender, sehr melodischer Gesang mit wenigen Liedwechseln. Nach knapp einer halben Stunde wurden lediglich zwei verschiedene Lieder gesungen, welche aber durchgehend mit einer sehr hohen Lautstärke ins Stadion hallten. Dazu mit einer schönen Abwechslung an optischen Elementen sorgten für einen wirklich sehr gelungenen Eindruck.
Das Spiel auf dem Rasen war zwar ebenfalls wild und abwechslungsreich, aber von weniger Qualität als auf den Rängen. Viele Ungenauigkeiten und Konzentrationsfehlern sorgten zwar für Torchancen, aber für keine Tore vor dem Halbzeitpfiff.
Nach dem Seitenwechsel war auch im Block der Grasshoppers Fans Neujahr, was mit einem Kanonenschlag eingeläutet wurde. Nachdem man das Bild im GCZ Block sah, war klar, wozu dieser laute Knall nötig war: parallel zu den roten und weißen Fackeln und Blinkern im Block, zündeten außerhalb des Stadions noch Batterien Raketen in den Nachthimmel und dieses parallele Zünden brauchte ein Startsignal.

Sportlich startete allerdings der FCZ mit einem Knall in die zweite Halbzeit und ging recht früh mit 0:1 in Führung, was zu großem Jubel unter dessen Fans sorgte. Allerdings hielt die Euphorie nicht sehr lange, keine 5 Minuten nach dem 0:1 glich der GCZ aus. Beim Ausgleich erkannte man, wie viele der 17000 Zuschauenden Fans des GCZ auf den Tribünen waren, welche vielleicht in den Support hätten eingebunden werden können, um mit dem FCZ mitzuhalten. 10 Minuten nach dem Ausgleich verursachte der FC Zürich einen Elfmeter, welchen der GCZ Spieler souverän an die Latte knallte. In der 79. Minute ging der FCZ wieder mit 1:2 in Führung, was die Stimmungskurve der Südkurve und der weiteren FC Zürich Fans nochmal nach oben schraubte. In Minute 90 + 5, die es nur wegen einer Spielunterbrechung wegen gezündeter Pyrotechnik gab, gelang dann dem GCZ noch der späte, aber sportlich verdiente, Ausgleich, was zu Ekstase auf der einen Seite und Tristesse auf de anderen Seite führte. Nach dieser Aktion pfiff der Spielleiter auch die Partie ab und es gab keinen Sieger im 295. Zürcher Stadtderby.

Abschließend lässt sich festhalten, wer noch nicht im Letzigrund war, sollte dies nachholen. Wer die Zürcher Südkurve noch nicht gesehen hat, sollte dies nachholen. Wer das Zürcher Stadtderby noch nicht gesehen hat, sollte dies nachholen, Möglichkeiten hierfür gibt es regelmäßig. Es lohnt sich allemal.

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