Ein Traditionsverein zurück im Profibereich, Wacker Innsbruck – SVG Reichenau
Über 4 Jahre ist es her, dass Wacker Innsbruck zahlungsunfähig war, die Profilizenz entzogen bekam und einen Zwangsabstieg in Liga 5 antreten musste. Nun ist Wacker zu dieser Saison 26/27 nach einem Aufstieg in die Liga 2 wieder zurück auf der großen, bundesweiten Bühne in Österreich und somit zurück im Profigeschäft.
Da eine bundesweite Liga auch bundesweite Auswärtsspiele beinhaltet, startet die neue Saison netterweise sparsam für aller Geldbeutel im heimischen Tivoli. Der Gegner, die SVG Reichenau, kommt aus dem, vom Tivoli 3,5 Kilometer entfernten, Stadtteil Reichenau und hat auf das eigene Stadion als Spielort verzichtet. Über ihre Website haben sie kommuniziert, dass die Begegnung „ein Fest für alle Tiroler Fußballfans“ werden solle, weshalb das Tivoli als Austragungsstätte gewählt wurde.

Also ging es nach dem Spiel in Vorarlberg noch spätabends mit dem Zug von Dornbirn nach Innsbruck. Am Tag darauf sollte der Anpfiff erst um 18:00 Uhr sein, es gab also genug Zeit, der zweitliebsten Sache einer solchen Fußballreisen nachzugehen: dem Schlendern. Da die größte Stadt Tirols einiges zu bieten hat, startete der Tag mit einer Stärkung. Dabei fiel die Nordkette auf, ein Gebirgszug, der den nördlichen Rand Innsbrucks markiert. Mit der Nordkettenbahn kommt man von der Innenstadt bis hoch auf die Berge. Und mit dem völlig legal erlangten Freizeitticket kommt man sogar ohne weitere Kosten bis auf die Hafelekarspitze, was den höchsten Punkt der Nordkette bildet. Dort oben kann man bei einer wunderbaren Aussicht auf die Umgebung der Hitze der Stadt entkommen. Am Gipfelkreuz fehlt aber leider weiterhin ein aBb-Kleber.

Apropos Kleber: Ein Indiz darauf, dass Innsbruck deutlich fußballverrückter ist, als z.B. Dornbirn, ist die Gestaltung der Laternenmasten und Hauswände der Stadt. Häufig springen einem solche Kleber ins Auge, egal ob mit Vereins- oder Fanszenenbezug. Auch daran war zu erkennen, dass es supporttechnisch im Stadion heute eine andere Hausnummer wird, als am Tag zuvor.
Es hängen aber auch jede Menge Chemie Leipzig und Eintracht Frankfurt Aufkleber in der Stadt. Am Wochenende zuvor war die BSG zu einem Freundschaftsspiel in Innsbruck und 2.000 mitgereiste Chemiker konnten internationales Auswärtsfeeling schnuppern. Nebenbei haben sie Innsbruck mitsamt Fanmarsch durch die Innenstadt aufgemischt.
Nächstes Apropos: Apropos Fanmarsch: Die Tivoli Nord (die Tribüne der Fanszene Wackers) hat ebenfalls zum gemeinsam Marsch in Richtung Stadion aufgerufen, um die Profisaison gebührend einzuläuten. Schlecht geschätzte 1.000 Personen folgten dem Aufruf und so lief ein ordentlicher Mob durch die Innsbrucker Innenstadt zum Tivoli. Um dieses herum liegt ein Areal mit Freibad, Sportgeländen und der Olympiahalle.
Im Gegensatz zum Vortag war das Stadion bei der eigenen Ankunft schon geöffnet, also ging es hinein und auch hier wieder zum Verpflegungsstand und anschließend auf die Westtribüne, welche als einzige, abgesehen von der Nordtribüne, geöffnet war. Von hier kann man erneut einen schönen Blick auf die Nordkette werfen. Tipp für einen zukünftigen Stadionbesuch: Falls mehrere Tribünen geöffnet sein sollten, habe man von der Osttribüne den schönsten Blick auf das Panorama. Das Stadion an sich ist ein typisches Profi-Fußballstadion mit einer Kapazität von 17.000 Plätzen. Allerdings war das Stadion mit 2925 Personen kaum gefüllt, was auch erklärt, wieso zwei der 4 Tribünen überhaupt nicht geöffnet wurden.

Einzig die Nordtribüne war schon ein wenig gefüllt. Anhand des Zaunfahnenbilds konnte man erahnen, dass hier ein (ehemals sehr großer) Traditionsverein Österreichs beheimatet ist. Die Geschichte von Wacker ist wie die Gegenwart, geprägt von sehr vielen Auf und Abs. Die gesamte Historie könnte ein eigener Beitrag werden, deshalb ist hier ein Versuch, es ein wenig zusammenzufassen (wen es interessiert, kann gerne auf der Website von Wacker Innsbruck alles genauer und ausführlicher nachlesen): Gegründet wurde der Verein 1913 oder 1914 oder 1915, hierbei fängt es schon an. 1913, ist das emotionale Gründungsjahr, 1914 wurden die Auflagen eingereicht, 1915 bestätigt bzw. genehmigt. Bereits die Anfangsjahre waren geprägt von Aufstiegen, Abstiegen, Rettung durch Vereinsfusionen usw. In den Nachkriegsjahren ab 1950 begann ein kleiner Aufschwung und Wacker Innsbruck schaffte es bis in die erste Liga. Dort verpasste man knapp die Meisterschaft, im Jahre 1970 gelang mit dem Cupsieg der größte Erfolg der bisherigen Vereinsgeschichte. Das war auch der Startschuss für die erfolgreichste Phase des Vereins. 1971 wurde man das erste Mal Meister, noch in der Nacht darauf folgte aus wirtschaftlichen Gründen eine Fusion mit der WSG Wattens zur SSW Innsbruck („Spielgemeinschaft Swarovski Wacker Innsbruck – Spielgemeinschaft FC Wacker Innsbruck – Werksportgemeinschaft Wattens“ war der offizielle Name). Bis 1979 folgten 4 weitere Meisterschaften und 5 Pokalsiege. Im Jahr darauf folgte ein überraschender Abstieg, zwei Jahre später stieg man wieder auf in die erste Liga.
Trotz solider Platzierungen, stieg die Unzufriedenheit bei Verantwortlichen und nachdem die Sparkasse Sponsorentätigkeiten einstellte, konnte Swarovski Mitte der 80er Jahre als Hauptinvestor den Verein nach eigenen Wünschen umstellen. Es entstand der FC Swarovski Tirol mit den Vereinsfarben blau und weiß, welcher in der Liga und im Pokal Erfolge feiern durfte, während der FC Wacker Innsbruck mit eigener Mannschaft wieder in der untersten Spielklasse von neu starten musste. In den 90ern endete das Projekt FC Swarovski Tirol, Wacker bekam die Profilizenz zurück und startete als FC Wacker Swarovski Innsbruck wieder in der Liga. In der Liga war man nicht erfolgreich, den Pokal konnte man ein Mal nach Tirol holen.
Da das Interesse und Zuschauerzahlen zurückgingen, meinte ein Teil des Vorstandes, dass „der Wacker“ nicht mehr interessant und ansprechend genug sei, so dass die Gründung des FC Tirol folgte und auch die Vereinsfarben mehrmals wechselten. Der FC Tirol blieb in der Bundesliga, Wacker Innsbruck durfte erneut von unten starten, bis man 1999 auf Grund von fehlenden Geldern den Spielbetrieb einstellen musste. Der FC Tirol feierte zwar noch ein paar Meisterschaften, ging aber insolvent und wurde 2002 aufgelöst.
Nun hoffte man natürlich, dass man zurückkehren kann zum FC Wacker Innsbruck. In weiser Voraussicht sicherte sich eine Faninitiative die Wort- und Bildrechte am FC Wacker Innsbruck. Entgegen der Hoffnungen wurde der neugegründete der FC Wacker Tirol. Dieser neu gegründete Verein war wieder eine Spielvereinigung mit der WSG Wattens. Der Verein wurde als reiner Mitgliederverein gegründet. Nach einigen Aufstiegen wurde in der zweiten Liga die Spielgemeinschaft mit Wattens wieder gelöst, welcher in die 4. Liga gehen musste, während Wacker in der zweiten Liga den Aufstieg feiern durfte und wieder erstklassig war.
Zwischen den Fans und dem Verein entstand mit der Zeit aber eine große Kluft. Die Fans supporteten den FC Wacker Innsbruck, auf dem Feld spielte allerdings der FC Wacker Tirol. Es gab eine Menge interne Streitereien. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, wurde der Antrag auf Umbenennung des Vereins durch Druck von Vorstand, Wirtschaft, Politik und unter Tumulten und hitzigen Wortgefechten, zurückgezogen.
Da die Zuschauerzahlen weiter stagnierten und der Verein als uninteressant empfunden wurde, wurde eine Markenstudie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis hiervon war eindeutig, dass die Öffentlichkeit mit den Gegebenheiten („FC Wacker Tirol“ in Farbkombination grün/schwarz und der fehlende Support der Nordtribüne des Vereins) auch in Zukunft nicht den Verein ansprechend finden werden. Es wurde also daran gearbeitet, den Verein für die Öffentlichkeit interessant zu gestalten. Es wurde eine Vereinbarung mit den Fans erarbeitet, sodass diese sich wieder mit dem Verein solidarisieren. Auch das Wappen des Vereins wurde angepasst und ansprechender gestaltet. Und dies funktioniert nur, wenn der Name des Vereins geklärt ist: Nach Betrachten der vielen möglichen Vereinsnamen und Abklären der Befindlichkeiten der Kooperationspartner wurde man sich einig, dass es nur unter einem Namen funktionieren kann – FC Wacker Innsbruck.
Nachdem die Gräben geschlossen wurden und eine Einigung erzielt wurde, löste sich die Faninitiative auf und übergab die Wort- und Bildrechte wieder dem Verein.
Doch sportlich kehrte in Innsbruck keine Ruhe ein. Der Verein bewegte sich immer zwischen den Ligen, bis es im Jahr 2022 zum erneuten Super-GAU kam. Auf Grund fehlender Liquidität, unter anderem durch dubiose Geschäftsleute, wurde Wacker die Profilizenz entzogen. Der Verein startete in der 5. Liga von vorne und ist nach Aufstiegen heute, zur Saison 26/27, wieder im Profigeschäft angekommen.
Betrachtet man die Historie des Vereins, kann man die Bedeutung der riesigen „Keinen Schritt zurück!“ – Schwenkfahne für die Fanszene des FC Wacker Innsbruck wohl nochmal deutlich besser verstehen.

Zurück im Hier und Jetzt empfängt der wiederauferstehende Riese aus Österreich den kleinen Nachbarn aus der Reichenau. Die Vorzeichen standen gut für den Zweitligisten, war man doch die höherklassige Mannschaft und hat zusätzlich durch den Wechsel im Austragungsort ein Heimspiel. Die Vorzeichen waren klar und so wirkten auch die ersten Minuten des Spiels. Wacker spielte solide und überlegen, kam regelmäßig vor das gegnerische Tor und ließ gleichzeitig kaum etwas zu. In der 20. Minute bekam man folgerichtig einen Elfmeter zugesprochen, der souverän verwandelt wurde und kurz vor der Halbzeit konnte man noch das 2:0 nachlegen und ging mit einer Führung in die Kabinen, die nie wirklich gefährdet war.
Ein Highlight abseits des Platzes entstand, wie bereits am Vortag schon, mit der Beteiligung der Balljungen. Ein halbleeres Stadion ist so schon weniger imposant, als ein volles. Was ist aber ein weiteres Problem bei leeren Tribünen? Richtig, die Grundgesetze der Mechanik bleiben für geschossene Bälle weiterhin gültig. Heißt, ein fliegender Ball interessiert sich nicht für geschlossene Tribünen, er landet trotzdem darauf. Und auf geschlossenen Tribünen braucht es kein Personal. Wie bekommt man also als Heranwachsender Teenager den Ball von der leeren Tribüne? Räuberleiter. Also machten sich drei Jungen zusammen, bildeten eine 1A Räuberleiter, während 2 Meter daneben ein Profi-Fußballspiel stattfand und hangelten sich so auf die Tribüne.
Betrachtet man das Geschehen auf den geöffneten Tribünen, zeichneten sich zwei unterschiedliche Bilder. Die Westtribüne war recht gemütlich drauf und ließ sich außerhalb von Torjubeln wenig aus der Ruhe bringen. Das komplette Gegenteil war auf der Nordtribüne zu Gange. Die Fanszene des FC Wacker Innsbruck rund um die Gruppen „Wacker Unser“, „Unterland“, „i furiosi“ und „verrückte Köpfe“ machten ordentlich Alarm auf ihrer Tribüne. Sie stellten sich oberhalb einer großen „1913“ Blockfahne auf und überzeugten durch eine außergewöhnliche und abwechslungsreiche Liedauswahl mit einer sehr guten Mitmachquote und ordentlicher Lautstärke, auch hat der Trommler schon mal höher getrommelt. Zudem war der optische Support, rund um den Fahneneinsatz, schön anzusehen.
Ähnlich souverän wie die Fanszene auf der Tribüne, brachte Wacker die zweite Halbzeit auch sportlich über die Bühne. Die Reichenau kämpfte wacker, aber der Klassenunterschied war einfach zu groß. Sie kamen zwar einige Male in Richtung des gegnerischen Tors, sehr gefährlich wurde es aber leider kaum. Man kann ihnen zwar nicht absprechen, alles gegeben und gekämpft zu haben, aber viel zu holen war an diesem Tag für sie nicht. Kurz vor Abpfiff erzielte Wacker noch den 3:0 Endstand.
Nach Abpfiff sind die Mannschaften noch zu den Fans, die Reichenau ist zu den Familienmitgliedern, Freunden und Vereinsmitarbeitenden auf der Tribüne, während die Spieler von Wacker in Richtung der Nordtribüne gingen, um noch dort mit den Fans zu feiern.

So endete der zweite Tag des Wochenendes in Österreich mit einem erfolgreichen Spiel für den Traditionsverein aus Tirol. Nach Verlassen des Stadions hieß es, schnell zurück ins DKInn und die Tasche packen, am nächsten Morgen ging es noch weiter in die Hauptstadt, für ein Highlight zum Abschluss. Den Bericht dazu lest ihr in Beitrag 3/3 der Wochenend-Serie.

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