Hitziger Gästeblock in der Ostschweiz

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Der FC Luzern zu Gast beim FC St Gallen

Der dritte Spieltag in der Schweizer Super League brachte ein fantechnisches Highlight auf den Plan: der FC St Gallen, gestartet mit zwei Siegen in zwei Spielen, empfing den FC Luzern, welcher mit zwei Niederlagen aus zwei Spielen unter Zugzwang stand.

Um dem, in anderen Berichten bereits erwähnten, Schlendern gebührend nachgehen zu können, wurde das Städtchen St. Gallen (übrigens benannt nach dem Wandermönch Gallus), mit seinen engen Gassen und historischem Kloster, früh angesteuert.

Ein sehenswerter Ort, mit knappen 85.000 Einwohnenden in der Ostschweiz, etwa 30 Minuten von der österreichischen Grenze entfernt. Sowohl die Altstadt mit kleinen Gassen und großem Klosterareal in der Mitte, als auch die, an das Stadtzentrum angrenzenden, Grün- und Parkanlagen laden zum Verweilen ein. Wer sich das Ganze von einer Anhöhe ansehen möchte, dem ist die Mühleggbahn empfohlen, mit dieser Standseilbahn kann man in keinen 5 Minuten von der Altstadt in ein Naherholungsgebiet, samt 3 Badeweihern, fahren.

Wer vor einem Stadionbesuch sich gerne mal durch das Getränkeangebot der Ostschweiz probieren möchte, dem ist das sogenannte „Bermudadreieck“ ans Herz gelegt, wo sich 3 Bars direkt an einem Eck treffen und man einige Zeit in guter Gesellschaft verbringen kann.

In guter Gesellschaft sind auch fußballinteressierte Menschen der Schweiz in St. Gallen, immerhin gibt es hier seit 1879 den ältesten Fußballverein des Landes. Als ältester Verein der Schweiz dachte man sich wohl auch, dass man sich nicht an die allgemeinen Regeln des Fußballs halten muss und trainierte somit einfach auf Tore, welche nur ca. halb so groß waren, wie „Regeltore“ im Fußball. Zum ersten Pflichtspiel der Vereinsgeschichte war der Grasshoppers Club Zürich zu Gast, welcher missmutig auf die kleinen Tore in St. Gallen spielte, aber 1:0 gewinnen konnte. Nach dem Rückspiel in Zürich entschied man sich auch in der Ostschweiz dazu, künftig auf Tore in Normgröße zu trainieren. Ob das an der 6:0 Klatsche lag, die man sich vor Ort fing oder ob man sich nur an die Allgemeinheit anpassen wollte, sei mal dahingestellt.

In der Spielzeit 1899/1900 nahm man das erste Mal an der damals höchsten Schweizer Spielklasse teil und wurde prompt Letzter. In der Spielzeit 1900/1901 nahm man nicht teil. Ab 1902 demonstrierte man dann den feuchten Traum eines jeden Mathematiklehrers, der einem beteuern möchte, dass y=m*x+c auch im echten Leben eine große Bedeutung hat. 1902 wurde man in der höchsten Spielklasse Dritter, 1903 Zweiter und 1904 das erste Mal Erster und somit Meister in der Schweiz.

1932 stieg man das erste Mal in die zweithöchste Spielklasse ab, wo man drei Jahre verweilen musste, bis man wieder aufsteigen konnte. 1945 erreichte man das erste Mal das Cupfinal, welches gegen die Young Boys Bern verloren ging.

1957 gelang dann das Anti-Kunststück, bis in Liga 3 abzusteigen, es brauchte 11 Jahre, bis man wieder zurück in die höchste Spielklasse gelangen konnte und sich in der darauffolgenden Saison zum Cupsieger und den größten Titel der Vereinsgeschichte erspielen konnte.

Im Jahr danach durfte man durch den Pokalsieg im Europapokal antreten, wo man es bis in die zweite Runde schaffte, aber in der heimischen Liga abstieg. Der direkte Wiederaufstieg gelang aber. 1985 spielte man erneut Europapokal und konnte Inter Mailand ein 0:0 abringen.

Bis 1999 war man in der Liga meist im Mittelfeld, Abstiege passierten zwar, konnten aber wieder ausgebügelt werden. Nach 96 Jahren schaffte man 1999/00 die zweite Meisterschaft in der Schweiz, inklusive Uefa Cup in der darauffolgenden Saison, da man die Champions League Qualifikation nicht überstehen konnte.

Danach verpasste man es aber, sich in der Spitzengruppe zu etablieren und rutschte (wieder) ins Mittelfeld der Schweizer Mannschaften. Es gab einzelne Ausreißer nach unten oder oben (inklusive Europa League Qualifikationen und Vizemeisterschaft 2020), aber der ganz große Wurf gelang dem Verein erst wieder 2026, als man das Stadion wieder umbenennen konnte in Sitterstadion. Ach so und Pokalsieger wurde man ebenfalls.

26 Jahre nach dem letzten Titel und 60 Jahre nach dem letzten Pokalsieg ging der Cup 2026 wieder in die Ostschweiz nach St. Gallen.

Ob der Pokalsieg eine Euphorie entfacht hat oder ob die Stadt generell sehr fußballverrückt ist, kann hier nicht eindeutig belegt werden. Allerdings hat das Stadion in den letzten Jahren immer eine durchschnittliche Auslastung von über 90% und auch in der Gestaltung der Laternenpfosten und Wände der Stadt ist der Verein sehr präsent.

Auch waren bereits einige Stunden vorher viele Menschen in Vereinsfarben in der Stadt zu sehen, was ebenfalls dafür spricht, dass es weniger an dem Pokalsieg, als an der Überzeugung zum Verein liegt.

Nach der eigenen Ankunft am Stadion wurde dieser Eindruck nochmals bekräftigt. Sehr viele Leute waren schon vor, bzw. zur Stadionöffnung vor Ort und haben sich auf das bevorstehende Duell gegen den unliebsamen Gegner eingestimmt.

Auch die Gästefans dieses unliebsamen Gegners waren bereits beizeiten vor Ort. Angereist im Extrazug (nicht ganz zu vergleichen mit dem deutschen Sonderzug) und eskortiert zum Gästeeingang, machte man bei Ankunft am Sitterstadion ordentlich Krach und stellte auch direkt klar, was man von der Heimseite und deren Fans hält. Hier wurde auf jeden Fall ersichtlich, dass beide Fanlager sich nicht ausstehen können und heute ordentlich Feuer in der Luft liegt.

Die Einlasskontrollen an der Gegentribüne wussten von diesem Feuer aber offenbar nichts, denn diese waren Nichtexistent. Ticket am Drehkreuz scannen und man steht im Umlauf, auch eine angenehme Erfahrung.

Die Heimkurve öffnet an Spieltagen bereits 30 Minuten früher, als alle anderen Bereiche, weshalb der Espenblock zum Betreten des Stadion bereits sehr gut gefüllt war.

Das Sitterstadion ist seit Eröffnung 2008 das Heimstadion des FC St Gallen und strahlt auf fußballromantischer Sicht wenig Charme aus. Die Lage direkt an der Autobahn und der „moderne“ Neubau lassen von der Außenwirkung vermutlich wenige Herzen höher schlagen. Auch von innen ist es ein modernes Stadion. Schön ist, dass die Tribünen nah am Spielfeld sind und dass die Wände von innen künstlerisch gestaltet wurden, indem bspw. große historische Erfolge oder Spiele dort verewigt wurden.

Während die Heimkurve schon früh gut gefüllt war, blickte man im Gästeblock noch auf verwaiste Plätze. Dabei war schon vorher erkennbar, dass viele Fans aus Luzern angereist sind und auch im neutralen Bereich angrenzend an den Gästeblock, sah man schon einige Fans in blau und weiß.

Wie auch der FC St. Gallen, haben die Luzerner eine besondere Geschichte zu ihrem ersten Pflichtspiel. Dieses ging verloren, der Vorteil der damaligen Zeit war aber, dass sich Informationen nicht so schnell verbreiteten, wie heute. Deshalb erzählten die Spieler in Luzern einfach überall, dass sie ihr Spiel mit 4:1 gewinnen konnten, um ihren Wetteinsatz, ein Fass Most, abgreifen zu können. Dieses wurde auch genüsslich verzehrt, bevor man dem Betreiber des Gasthauses die Wahrheit gestehen und ihn zum Passivmitglied des Vereins ernennen konnte.

Die ersten Jahre war der Verein in Liga 2 oder in den unteren Regionen der ersten Liga anzutreffen. 1922 wurde man Meister in der eigenen Gruppe, konnte den Erfolg aber nicht konservieren und spielte dann bis Mitte der 30er Jahre in Liga 2. Auch die Jahre bis 1960 waren von Auf- und Abstiegen geprägt, bis man es 1960 das erste Mal schaffte, Pokalsieger in der Schweiz zu werden.

1989 gelang mit der Meisterschaft der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. 1992 stieg man zwar ab, wurde aber dennoch Cupsieger in der Schweiz. Seither bewegt sich der Verein zwischen Liga 2 und Liga 1, 2023 gelang nochmal der Cupsieg.

Die Luzerner reisten in großer Anzahl in das etwa zwei Stunden entfernte St. Gallen. Um auch optisch einen guten Eindruck zu machen, hüllte sich der Gästeblock komplett in blau, als alle Mitreisenden gesammelt die Tribünen betraten.

Als der Gästeblock sich füllte, wurde dieser auch mit viel Gegenwind aus dem Sitterstadion und besonders dem Espenblock begrüßt. Hier wurde auf jeden Fall ein letztes Mal besonders deutlich, dass die zwei Fanlager nichts füreinander übrig haben. Dies erkannte man auch während des Spiels in den großen „Luzern …Söhne“- bzw. „NO SG“-Fahnen in den jeweiligen Fanblöcken.

Bei der Recherche, worin diese große Abneigung begründet ist, wurden verschiedene Gründe genannt. Von gemeinsam gewachsenen Vereinen auf ähnlicher Größe und Einzugsgebiet in den eigenen Regionen, über brutale Fouls an Luzerner Zauberfüßen (inklusive Karriereende), bis hin zu abgefangenen Bussen nach Auswärtsspielen, war von allem etwas dabei. Mehrmals berichtet wurde auch, dass in St. Gallen die Wurst wohl ohne Senf gegessen werde, vielleicht liegt der Ursprung auch darin.

Als es zum Aufwärmen ging, brachte die Heimkurve Lautstärke ins Stadion, um ihre Mannschaft für dieses Duell einzuheizen.

Der Anhang der Gastmannschaft wollte ihrer Mannschaft aber ebenfalls Motivation mitgeben und so entwickelte sich auf den Tribünen schon 25 Minuten vor Anpfiff ein Gesangsduell, während im Hintergrund noch die 187 Straßenbande lief.

Der Gästeblock setzte auch während dem Aufwärmen schon die Marschrichtung, in die der eigene Support heute gehen sollte und zündete ordentlich dichten Rauch unter lauten Schlachtrufen und Pöbeleien.

Zum Einlaufen der Mannschaften vor Spielbeginn gab es bei den Gästen eine Choreo mit einer großen „FCL / LUZERN“ Fahne am oberen Ende des Blocks, verbunden mit Rauchtöpfen, Rauchspuren, Wurfrollen und einigen Fackeln, machte das optisch ein sehr schönes Bild.

Nachdem der Rauch verflogen war, erkannte man bei Luzern ein sehr schönes Schwenkfahnenbild und eine wirklich fast 100%-Mitmachquote bei den Gesängen und Klatscheinlagen.

Sportlich gab es direkt in der zweiten Minute des Spiels die erste große Chance für St. Gallen, welche in der Anfangsphase und der ersten Halbzeit sehr dominant aufgetreten sind, was auch dafür gesorgt hat, dass die Heimseite mit ihren Gesängen vereinzelt sogar das gesamte Stadion mitnehmen konnte. Auch im Espenblock wurden nach den ersten Minuten die ersten Fackeln und Rauchtöpfe präsentiert, was dem Auftritt der Heimseite nochmal etwas nach oben schrauben konnte.

Sportlich gesehen geht die erste Halbzeit an die Mannschaft aus der Ostschweiz, welche mit ihren zwei Siegen aus zwei Spielen zu Saisonstart auch ordentlich Rückenwind hatten. Die Support-Ebene spiegelte das Sportliche nicht wider. Der Gästeblock aus Luzern machte trotz deutlicher, sportlicher Unterlegenheit riesigen Alarm und war motiviert bis oben hin. Durchgehender Support, dazu durchgehend eine Mitmachquote oberhalb der 95%, ein schöner optischer Support durch Fahnen- und Pyroeinsatz und eine sehr hohe Lautstärke machten als neutraler Beobachter sehr viel Spaß. Auch das außergewöhnliche Liedgut brachten eine positive Abwechslung mit sich und auch die Leute an der Trommel waren auf jeden Fall Männer vom Fach.

In Minute 45+3 schaffte St. Gallen dann durch freundliche Mithilfe des Luzerner Keepers noch den Treffer zum 1:0 vor der Halbzeit, was zu großem Jubel sorgte.

Nach dem Seitenwechsel waren die Mannschaften wie ausgewechselt. Luzern machte sofort Druck und schaffte auch in Minute 46 den Ausgleich, was den Gästeblock zum Ausrasten brachte. In der 49. Minute verspielte Luzern fahrlässig die mögliche Führung, St. Gallen war wie von der Rolle und spielte sehr nervös und unkonzentriert. Ohne ihren herausragenden Torwart hätte St. Gallen in Halbzeit 2 mit Sicherheit 3 oder 4 Tore bekommen, man hatte das Gefühl, sie schlagen sich ein wenig selbst.

Die Leistungen auf dem Rasen brachten auch Auswirkungen auf den Tribünen mit sich, Luzern war nochmals mehr angezündet, während die Heimseite sich mit dem Support teilweise schwer tat und nur unter großer Mühe die Leute außerhalb des Supportkerns motivieren und mitreißen konnte.

In Minute 90 war es dann soweit und der FC Luzern drehte das Spiel und erzielte das 1:2, was einen komplett explodierenden Gästeblock mit sich zog, ein Video hierzu gibt es auf unserem Instagram-Profil.

Aber der Heimbereich bewies in diesem Moment ein gutes Händchen und schraubte auch nochmal an der eigenen Lautstärke, was an diesem Tag gegen diesen Gästeblock keine leichte Aufgabe war. Mit der Motivation der eigenen Fans im Rücken, warf auch St. Gallen nochmal alles nach vorne und erzielte den umjubelten Ausgleich, welcher allerdings vom VAR zurückgenommen wurde und somit stattdessen nochmal für große Ekstase bei den Luzernen sorgte.

Als St. Gallen alles nach vorne warf, liefen sie nochmal in einen Konter und der sowieso schon brillierende Keeper hielt die Tür nochmal einen Spalt offen, indem er den Ball an den Pfosten lenkte. Tatsächlich meldete sich nach dieser Aktion der VAR und St. Gallen bekam von einer 2 bis 3 Minuten alten Aktion noch einen Elfmeter zugesprochen. In der 101. Minute trat ihr Kapitän an und versenkte den Ball wie in einer Trainingseinheit eiskalt in die Mitte, was das, mit 19.416 Personen, ausverkaufte Sitterstadion nochmal ausrasten lies.

Nach dieser Aktion kam auch der Abpfiff, die Mannschaften trennten sich 2:2, die Luzerner wurden für eine dominante zweite Halbzeit nicht belohnt, der FC St. Gallen verspielte ihre überlegene erste Halbzeit nicht komplett. Auf Fanebene feierten die St. Galler natürlich den Last Minute Ausgleich, der Gästeblock legte ihren Frust recht zügig ab und feierte ihre aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft und gab ihr Motivation für die nächsten Spiele mit. Die St. Galler provozierten nochmal ein wenig in Richtung Gästeblock, dessen Kundgebung der Meinung zur Heimseite das letzte war, was an diesem Sonntagnachmittag ins Sitterstadion gerufen wurde.

Ein sehr unterhaltsamer Sonntag Nachmittag mit einer guten Heimseite und einem überragenden Gästesupport in der Ostschweiz war damit zu Ende. Vielleicht wird in der Rückrunde der Auftritt des Espenblocks in Luzern ähnlich stark, wir werden darüber berichten.

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