Alte Rivalität zum Auftakt in der Regionalliga Südwest

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SV Stuttgarter Kickers – SSV Ulm

Das Eröffnungsspiel der neuen Saison in der Regionalliga Südwest hatte direkt ein Highlight parat: Die Stuttgarter Kickers durften den SSV Ulm auf der Waldau empfangen. Die Spatzen sind nach ihrem Ausflug in die 2. Liga wieder in der Regionalliga angekommen. Zum ersten Pflichtspiel der neuen Saison ging es für die Ulmer ins ca. 90 Kilometer entfernte Stuttgart. .

Die Fanszenen des B-Block und D-Block sind nicht dafür bekannt, große Sympathien füreinander zu hegen. Bereits mehrfach wurden Fanszenen vor Duellen an Bahnhöfen oder Stadien von der Polizei festgemacht, um Auseinandersetzungen zu verhindern. Auch das erste Ligaspiel der beiden Vereine seit 2018 brachte eine erhöhte Polizeipräsenz am und um das Stadion mit sich.

Das Stadion auf der Waldau der Stuttgarter Kickers ist aus zwei Gründen besonders. Zum einen liegt es auf knapp 500 Höhenmetern und ist somit eines der höchst gelegenen Stadien Deutschlands. Außerdem ist es das älteste Stadion in Deutschland, in dem noch Fußball gespielt wird. Seit 1905 tragen die Kickers ihre Heimspiele auf der Waldau aus. Die Lage im Grünen, direkt unter dem Stuttgarter Fernsehturm (übrigens weltweit der Erste seiner Art), macht optisch einen schönen oldschool Eindruck. Es hat zwei nicht überdachte Stehplatztribünen an den Hintertorseiten, sowie eine überdachte Haupttribüne mit Sitzplätzen und eine überdachte Stehplatztribüne auf der Gegengeraden. Hier steht auch die Fanszene rund um Blaue Bomber 95, Young Care 08 und Blue Fanatics 09 im B-Block.

Die Stuttgarter Kickers wurden 1899 in, ironischerweise, Bad Cannstatt gegründet. Ein paar Mitglieder trennten sich vom Stammverein, dem Cannstatter Fußball Club, ab und gründeten den „Fußballklub Stuttgarter Cickers“ (ja, richtig geschrieben). Der Name wurde, ironischerweise, angelehnt an die Karlsruher Kickers.

Die größten Erfolge feierten die Stuttgarter in den 1980er-Jahren. 14 Jahre lang festigte man sich in der 2. Liga, bis man 1987 mit dem Einzug ins Pokalfinale die größte Leistung der Vereinsgeschichte schaffte. Dort unterlag man dem HSV mit 1:3.

1988 gelang sogar der Aufstieg in die erste Liga, wo man aber in der nächsten Saison direkt wieder abstieg. Leider durfte die Waldau nie Bundesliga-Fußballluft schnuppern, da „die Blaue“ auf Grund von DFB Sicherheitsauflagen, sowie aus wirtschaftlichen Gründen für ihre Heimspiele ins Neckarstadion des großen Stadtnachbarn umziehen mussten. 1991 stieg man nochmal in die Bundesliga auf, 1992/93 stieg man in die 2. und 1993/94 in die 3. Liga ab.

Ab den 2000ern ging es sportlich und wirtschaftlich weiter bergab, man konnte an die Erfolge nicht mehr anknüpfen. 2004 ging es sportlich in die 4. Liga, wo man allerdings gerettet wurde, weil der Waldhof aus Mannheim, sowie der SSV Reutlingen insolvent waren und in die Oberliga mussten. Seither kämpften die Kickers in der 3. Liga um jeden Punkt, Achtungserfolge waren z.B ein Sieg im DFB Pokal über den HSV.

Nach einer Horrorsaison 2008/09 war es aber soweit und der SVK musste zum ersten Mal den Weg in die 4. Liga antreten. 2012 gelang der Wiederaufstieg in Liga 3, dort hielt man sich, bis 2016 der Wiederabstieg in die Regionalliga eintrat. Dort verharrte man zwei Jahre, ehe man 2018 sogar in die Oberliga abrutschte und dort bis 2023 5. Liga spielen musste. 2023 schaffte man es wieder in die Regionalliga, am letzten Spieltag verspielte man den Aufstieg in die 3. Liga. Seither hoffen die Degerlocher jedes Jahr aufs neue, wann die Kickers wieder bundesweiten Fußball in der 3. Liga spielen werden.

Für diese Aufgabe war der Gegner dieser Partie auch direkt der optimale Härtecheck. Für die Ulmer waren die vergangenen Jahre eine Achterbahnfahrt, von der Regionalliga in die 3. Liga aufgestiegen, schaffte man dort wiederum den direkten Aufstieg in die 2. Liga. In der 2. Liga konnte man sich allerdings nicht halten und ging wieder zurück in Liga 3 und es kam, wie es kommen musste, auch in dieser Liga scheiterte man am Klassenerhalt, sodass man zurück in der Regionalliga landete.

Dieses Auf & Ab ist für den SSV auch historisch wenig Neues. Fußball wird in Ulm seit 1894 gespielt. 1909 spaltete sich die Fußballabteilung von dem Privatturnverein ab und gründete den Ulmer FV 1894.

1924 gründete sich ein weiterer Fußballverein in Ulm, der SV Schwaben Ulm, welcher sehr erfolgreich Fußball spielte und bis in die damals höchste Liga in Deutschland aufstieg. Seit 1925 spielt man in Ulm im Donaustadion Fußball.

1928 fusionierte der SV Schwaben Ulm mit einem weiteren Verein zum 1. SSV Ulm 1928. Dieser wurde in der Gauliga (die damals höchste Spielklasse) Württemberg zwei Mal Vizemeister.

1939 wiederum mussten der Ulmer FV 1894, der TB 1846 Ulm und der TV 1868 Ulm zur TSG Ulm 1846 zwangsfusionieren.

Beide Vereine, der 1. SSV Ulm 1928 und die TSG Ulm 1846, existierten und spielten parallel in Ulm, allerdings unterschiedlich erfolgreich. Die TSG Ulm 1846 spielte in der, damals höchsten, Oberliga, der SSV Ulm war nicht konkurrenzfähig und stieg ab bis in die Amateurklassen.

1963, bei der Einführung der Bundesliga, qualifizierte die TSG Ulm sich durch ihre Platzierung in der Oberliga für die Regionalliga, die damals zweithöchste Spielklasse in Deutschland. Im Jahr 1970 fusionierten der 1. SSV Ulm 1928 und die TSG Ulm 1846 zum SSV Ulm 1846, was damals sogar den mitgliederstärksten Verein Deutschlands darstellte. In der eigenen Liga wurde man dann regelmäßig Meister, verspielte aber immer die Aufstiegsrunde. 1978 qualifizierte man sich durch die neu gegründete Oberliga für die 3. Spielklasse, wurde Meister und stieg daraufhin in die 2. Liga auf. In den 80er Jahren wurde man zu einer Fahrstuhlmannschaft, man wechselte ständig zwischen Liga 2 und 3.

1998 stieg man erneut in die 2. Liga auf, ehe man 1999 sogar den Erfolg schaffte, in die Bundesliga aufzusteigen und somit erstklassig war. Diese Erstklassigkeit verspielte man denkbar knapp und stieg wieder ab in Liga 2. Auch dort konnte man sich nicht lange halten und pendelt seitdem bis heute zwischen Liga 3 und 5.

Nach dem bereits erwähnten Exkurs in Liga 2 2024/25 sind die Spatzen wieder in der Regionalliga angekommen. Diesen Abstieg kommentierten die mitgereisten Ulmer zunächst mit einer Zaunfahnen vor dem Block, auf der stand in Großbuchstaben „als Ulmer lernt man eins: Aufstehen, Mund abwischen, Weitermachen!“. Ergänzt wurde diese Zaunfahne durch eine weitere, die über dem Gästeblock aufgehängt wurde, auf der nur groß „Forever SSV Ulm 1846“ stand.

Über 3000 Ulmer wollten an diesem Tag ihrem Verein dabei helfen, dass der Start in die neue Runde ein erfolgreicher wird und so war eine große Kulisse für den Saisonauftakt gegeben. Bereits vor dem Spiel merkte man den Gästen an, dass sie heute sehr motiviert waren und ihre Visitenkarte auf der Waldau lassen wollten. So drangen einige Schlachtrufe und Gesänge vor dem Spiel in einer ordentlichen Lautstärke ins Stadion.

Aber nicht nur die erwähnten 3000 Gäste reisten an diesem Tag ins Stadion, auch die Heimseite füllte sich ziemlich stark, was allerdings auch dafür sorgte, dass die Infrastruktur rund um Verpflegungsstände und Toiletten ziemlich ausgelastet waren und einige Menschen den Anpfiff verpassten, weil sie noch beim Bier holen anstehen mussten.

Der B-Block startete mit einer netten Choreo in die Partie, zum Einlaufen der Mannschaften wurden blaue und weiße Folien hochgehalten, am Zaun wurde ein „Stuttgart“ Schriftzug sowie ein großes Stuttgarter Kickers Logo präsentiert, das machte alles einen runden Eindruck.

Nach dem Anpfiff machten die 3000 Leute im Gästeblock auf sich aufmerksam, indem sie mit einer hohen Lautstärke Gesänge ins Stadion sangen, während auf dem Rasen der SVK auf sich aufmerksam machte, indem er deutlich besser und gefährlicher ins Spiel startete und nach nicht ein Mal 90 Sekunden bereits zwei Mal gefährlich in Richtung Tor kam.

Auch der B-Block machte einen guten und motivierten Eindruck und hatte eine solide Mitmachquote. Leider haben die anderen Teile des Stadions sich nicht so mitreißen lassen, sodass ein zahlenmäßig starker und motivierter Gästeblock anfangs besser zu vernehmen war, als die Heimkurve. Aber die Anfangseuphorie ließ im Verlauf der Partie nach und es entwickelte sich ein Duell auf Augenhöhe auf den Rängen. An diesem Tag die beiden Kurven zu vergleichen, ist auch nicht zu 100% aussagekräftig, da es logisch ist, dass die Ulmer nach ihren Erfolgen der letzten Jahren eine größere Strahlkraft entwickelten, als die Kickers aus Degerloch, welche seit vielen Jahren in der Regional- und Oberliga spielen müssen.

Generell gab es auf den Tribünen ein regelmäßiges Gepöbel und beide Seiten machten keinen Hehl daraus, dass ihnen am jeweils Gegenüber wenig liegt. Die Gäste aus Ulm reisten mit ihren Freunden von Rot-Weiß-Oberhausen, sowie ESV Kaufbeuren an, auf der Heimseite gab es Unterstützung durch Fans des SSV Jahn Regensburg.

Auf der sportlichen Seite entwickelte sich wie auf den Tribünen ein Duell auf Augenhöhe, mit leichter Tendenz in Richtung der Stuttgarter. So ging es torlos in die Kabinen. In der Halbzeit sah man bereits die Blockfahnen im Gästeblock hochgehen und wusste, dass zur zweiten Halbzeit wohl etwas angehen dürfte.

Was dann zum Anpfiff der zweiten Halbzeit anging, war das Flutlicht des Stadions, was zwar schön aussieht, aber nicht das Leuchten war, was man erwartet hatte.

Die Ulmer Mannschaft startete besser und mit ordentlich Druck in die zweite Hälfte, aus dem Gästeblock kam in dieser Zeit erstaunlich wenig. Das änderte sich, als der SSV in der 51. Minuten einen Foulelfmeter zur 0:1 Führung verwandeltet und der Gästeblock ordentlich ausrastete. Zwei Minuten später hatte der SVK eine riesige Chance auf den Ausgleich, welche sie nicht für sich nutzten. Im Gästeblock dachte man sich daraufhin wohl, dass man der Mannschaft noch einen Schub Motivation geben sollte und zündete daraufhin über den Zaun verteilt weiße Blinker, was ein schönes Bild abgab.

Die Ulmer Hintermannschaft nahm diese extra Motivation wohl etwas zu gerne an, weshalb sich ein Spieler in der 54. Minute mit gelb-rot verabschieden musste und die Mannschaft von der Donau daraufhin nur noch zu 10. war.

Danach startete eine absolute Drangphase der Degerlocher und das Stadion verzweifelte teilweise schon an den verspielten Möglichkeiten. In der 73. Minute schafften sie dann aber doch den Ausgleich. Der Gästeblock motivierte ihre Mannschaft dann nochmal in einer ordentlichen Lautstärke, was auch zündete und Ulm schaffte in der 78. Minute dann den nächsten Treffer, nur leider auf der falschen Seite und schenkten so den Kickers die Führung. Die Waldau nahm dieses Geschenk natürlich dankend an und feierte das gedrehte Spiel. Noch während der Feier legte die Heimseite in der 79. Minute das 3:1 nach und die Stuttgarter konnten komplett frei drehen.

Die positive Stimmung wurde dann nach ein paar Minuten durch zwei Ereignisse nochmals aufgefrischt. Zum einen durch einen Spieler aus der eigenen Jugend, welcher zu seinem ersten Profi-Spiel eingewechselt wurde (dazu das Zitat eines Gasts: „das hier sind Profis?“) und zum anderen als die Anzahl an Leuten durchgegeben wurde, welche heute anwesend waren. Denn erstmals seit 33 Jahren schafften es die Kickers, dass ein Ligaspiel mit 10.500 Personen komplett ausverkauft wurde. Und das für ein Viertligaspiel.

Die Feierlaune wurde in der Nachspielzeit allerdings noch getrübt, als die Ulmer den Anschlusstreffer erzielten und der sicher geglaubte Sieg nochmals ins Wanken geriet. Dazu entwickelte sich auf dem Rasen eine hitzige Stimmung, inklusive roter Karte gegen die Ulmer Auswechselbank.

Jetzt fehlte nur noch eine Sache, dass dieses Spiel eine komplette Achterbahnfahrt wird: Der 4:2 Siegtreffer durch das eingewechselte Eigengewächs der Kickers und somit ein komplett explodierendes Stadion, inklusive der kompletten Mannschaft + Reservespieler auf dem Rasen vor dem jubelndem B-Block auf dem Zaun.

Kurz danach war Abpfiff, die Spieler der Kickers feierten mit den Fans, die letzten Sonnenstrahlen ließen den Himmel und den Hintergrund strahlen wie die Kinder auf den Zäunen, als die Mannschaft noch zum Abklatschen vorbeikam und Wolle Petry sang mit dem Stadion wie glücklich und frei man war und ist. Auch auf Ulmer Seite richtete man seinen Frust nicht gegen das Team, sondern gab der Mannschaft eine positive Energie für die nächsten Spiele mit.

Zum Abschluss tauschten beider Kurven noch ein paar Nettigkeiten zwischen den Blöcken aus, ehe die Stuttgarter mit ihren „Derbysieger“-Rufen wohl das letzte Wort gehabt haben dürften.

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